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Wenn alte Dämonen geweckt werden

Du bist wertvoll bedingungslose Liebe Selbstliebe Erkenntnis

Vor einigen Tagen hatte ich ein sehr emotionales Gespräch mit einem meiner Herzensmenschen. Das ergab sich folgendermaßen:

 

Ich bin ein sehr offener Mensch und manchmal möchte ich aus heiterem Himmel heraus meine Gefühle ausdrücken. So auch zu diesem Zeitpunkt. Unvermittelt teilte ich diesem Menschen also mit, wie dankbar ich für das Vertrauen und die Unterstützung bin, die mir von ihm entgegen gebracht wird. Dass das für mich nicht selbstverständlich ist und ich mich dadurch sehr verbunden fühle.

 

Die übliche Reaktion, die ich auf eine solche Äußerung bekomme ist – so würde ich es am ehesten deuten – zwar Freude, weil ja doch jeder gerne so etwas hört. Allerdings auch leichtes Unwohlsein, weil die meisten mit dieser Offenheit weder rechnen noch klar kommen. In der beschriebenen Situation war die Reaktion allerdings eine andere. Kein wie sonst übliches Abtun mit: "Aber sicher, Lisa. Das ist doch selbstverständlich," um der unangenehmen Situation zu entkommen. Vielmehr ein "Na klar, Hauptsache, du nutzt es nicht aus."

 

Ich stutzte. Das war nicht die Reaktion, die ich erwartet hatte. Wieso fühlte sich diese Antwort komisch an? Ist doch ganz logisch, das niemand ausgenutzt werden möchte. Und auch, diesen Wunsch dann auszudrücken. Aber wieso hat sich grade in meiner Brust alles zusammen gezogen, wenn das so selbstverständlich ist? 

 

Die Antwort schlich sich leise in meinen Kopf: Es tat weh. Der Schmerz traf mich unerwartet und baute sich immer stärker auf. Es war, als hätte mein Gegenüber dort eine lang verschlossene Tür geöffnet, durch die sich nun langsam aber sicher eine Welle an Erinnerungen schob und alles andere ausfüllte.

 

Doch woher kam diese extreme Reaktion? Wieso traf dieser kleine Satz so tief? Bei mir hat sich in diesem Moment eine Wunde geöffnet, die ich schon seit Ewigkeiten mit mir herumtrage. Und von der ich dachte, dass sie mittlerweile verheilt wäre. Dass ich diesen Schmerz hinter mir gelassen hätte. Denn vergeben habe ich schon lange.

 

 

Ich liebe dich – solange du dich so verhältst, wie ich es von erwarte

Ich bin ein klassisches Mädchen der Generation Y. Bei uns gab es zwar noch keine Helikoptereltern, aber ich bin behütet und im materiellen Überfluss aufgewachsen. Für unsere Generation war es für viele selbstverständlich, dass man fast alles haben konnte, aber das machte uns nicht unbedingt glücklicher. Nicht, dass du mich falsch verstehst. Ich hatte durchaus eine glückliche Kindheit. Aber wie so viele habe wohl auch ich hier ein Päckchen zu tragen.

 

Jedes Mal, wenn ich als Kind, aber auch als junge Erwachsene etwas bekommen habe – sei es ein Gegenstand, Geld oder Hilfe – gab es in diesem Zusammenhang immer zwei Aussagen. Einmal: 'Klar, das tun wir doch gerne für dich! Nein, das ist an keine Bedingung geknüpft!'

 

Implizit oder direkt wurde allerdings stets etwas anderes kommuniziert: 'Nutze das Geld klug. Nutz meine Hilfe nicht aus. Mach keinen Scheiß damit.' Mit anderen Worten: 'Verhalte dich so, wie wir es für richtig empfinden.' Was bei mir in dem Zusammenhang zunächst ankam: 'Ich erwarte von dir, dass du meine Gutmütigkeit, Zuneigung, Liebe ausnutzt.' Außerdem: 'Wenn du dich nicht so verhältst, wie gewünscht, bist du dieses Geschenk, diese Gabe, unsere Zuwendung und Liebe nicht wert.' Also das genaue Gegenteil von bedingungsloser Liebe. Und genau ersteres Gefühl wurde wohl durch den oben genannten Satz wieder ausgelöst. 

 

Natürlich weiß ich – auf logischer Ebene –, dass meine Eltern immer für mich da waren und auch heute noch sind, auch wenn ich mich nicht verhalte wie von ihnen erwartet. Dass sie mich auch unterstützen, wenn ich eine Entscheidung treffe, die sie sich anders gewünscht hätten.

 

Und trotzdem: Es fühlte sich immer so an, als müsste ich mir die Liebe anderer Menschen verdienen. Als sei ich nicht um meiner selbst willen, sondern nur durch mein vermeintlich 'richtiges' Verhalten wert, geliebt zu werden. Statt mich bedingungslos angenommen und geliebt zu fühlen, hatte ich immer das Gefühl, etwas dafür tun zu müssen. Wenn man diese Denkweise sein Leben lang mit sich herum trägt, fällt es wohl oft sehr schwer, das einfach so abzulegen. Es ist ja ein ureigenes, tiefes Bedürfnis, geliebt zu werden.

 

Und all das brach an jenem Abend aus mir heraus. Was ich dachte, schon lange überwunden zu haben, war plötzlich nicht nur wieder da, es wirkte sich auch in vollkommen übertriebenem Maße auf eine momentane Beziehung aus. Vielleicht zeigte ich eine derart starke Reaktion zwar nur, weil ich in dem Moment so offen und deswegen verwundbar war. Trotzdem: Eine Reaktion zeigte ich. Die Wunde war noch nicht verheilt. 

 

 

Du bist wertvoll

Das mag nun alles sehr dramatisierend klingen. Niemand hat mir etwas Böses getan, ich hatte wie gesagt eine glückliche Kindheit. 'Warum regt sich dieses verwöhnte Gör über solch eine Kleinigkeit überhaupt auf?' denkst du dir vielleicht. Und trotzdem oder genau deswegen schreibe ich diesen Artikel: Weil manchmal so kleine Dinge – gute wie schlechte – eine ungemein große Wirkung haben können. Sie öffnen tiefe Wunden oder sind in der Lage, sie zu schließen. Aber vor allen Dingen geht dieser Artikel an dich, der du vielleicht selbst einmal verletzt wurdest. An dich, der du dich klein fühlst oder ungenügend. Lass dir gesagt sein: Das bist du nicht.

 

Du bist stark, wertvoll, liebenswert, großartig und ganz perfekt genauso, wie du bist. Um deiner selbst willen. Und das musst du niemandem beweisen.



Hast du auch so ein Päckchen, dass du schon Ewigkeiten mit dir rumträgst? Oder bist du vielleicht mal eines losgeworden? Wie hast du das gemacht?